Nicht mal gemeinsames Klagelied

Der „Soundhaufen“ aus Maulbach ist ein sehr aktiver Gesangverein. Doch auch er wird derzeit in der Corona-Krise schwer gebeutelt. Vorsitzende Lotti Kehl über das nicht stattfindende Miteinander: „Das fehlt allen ganz schön“. Das große Jahreskonzert im März musste abgesagt werden, „wir ahnten schon, was da kommt“. Die in den Herbst geschobene Veranstaltung werde wohl ebenfalls nicht stattfinden können.

Gerade für Gesangvereine sei die Lage momentan sehr schwer, viele hätten ja sowieso schon zu kämpfen. Kehl: „Wer weiß, wann wir überhaupt wieder gemeinsam singen können? Ihr deprimiertes Fazit: „Alles total blöd“. Und mit Maske lässt sich nicht singen. Man habe Hoffnung auf 2021, das laufende Jahr werde der „Soundhafen“ wohl komplett vergessen können. „Jetzt müssen wir sehen, dass die Leute nicht abspringen, und das ist auch ein Verdienst unseres Dirigenten“. Uwe Henkhaus, der beim „Soundhaufen“ den Taktstock schwingt, bestätigt, dass die Ungeduld bei den Chören wächst. Jeden Tag erreichen ihn Anfragen, wann wieder geprobt werden kann.

 

Für jeden Sänger zehn Quadratmeter

Aber die Hürden sind hoch. Der hessische Chorleiterverband hat Empfehlungen herausgegeben, wie Proben mit einem strengen Hgygienekonzept abgehalten werden können. Danach muss ein Abstand von drei Metern zwischen den Sängern eingehalten werden, zum Chorleiter sind es fünf Meter. Es dürfen maximal zwölf an einer Probe teilnehmen, für jeden müssen mindestens zehn Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen. Wird in einem geschlossenen Raum geprobt, muss dieser mindestens vier Meter hoch sein. Jede Probe muss zudem akribisch dokumentiert werden: Wer kommt wann? Wer geht wann? Diese Anforderungen sind in vielen Fällen nicht umsetzbar, so Henkhaus. Der „Soundhaufen“ probt in einem kirchlichen Raum, hier sei die Frage, ob der überhaupt zur Verfügung gestellt wird. Man dürfe im Freien singen, aber das sei „keine gute Probensituation, wenn man an die Akustik denkt.“ Der Bundesmusikverband hat sich gegen die Veröffentlichung von Handlungsempfehlungen zum gemeinsamen Singen und Musizieren in Corona-Zeiten entschieden.

Auch Henkhaus gibt zu bedenken, dass bislang nicht genau geklärt ist, wie sich das Virus möglicherweise beim gemeinsamen Singen überträgt. Ein großes Problem sei nicht unbedingt das Ausatmen, sondern das tiefe Einatmen, wodurch das Virus sehr tief in die Lunge gelangen kann, ein Phänomen, das von den schweren Covid-Erkrankungen bekannt ist. Zudem haben viele Vereine ältere Mitsänger, die zu den Risikopatienten zählen.

Es gebe momentan keinen Probendruck, „weil wir ohnehin nicht auftreten können.“ Wie aber hält man die Sänger in dieser schwierigen Zeit bei Laune? Henkhaus meldet sich bei „seinen“ Chören regelmäßig mit Videobotschaften und er verschickt Übungsdateien mit Noten. Dann können die Frauen und Männer im stillen Kämmerlein für sich singen, die Klavierstimme ertönt aus dem PC.

Darüber hinaus gibt es Videos mit rhythmischen Übungen und sogenannte Klatschübungen. Ebenfalls kann man bei Bedarf das Noten lesen lernen. Henkhaus: „Es ist also keine tote Zeit.“

Was derzeit nicht funktioniert, das ist eine gemeinsame Online-Probe mit allen Mitsängern. Hier sei die Software noch nicht so weit. Und die Auftritte? Sein im März abgesagtes Konzert „VB quer“ hatte der Chor im November nachholen wollen. Henkhaus ist skeptisch, „ich sehe das momentan nicht.“ Er mache dennoch die Planung für die Konzerte („Das Programm steht“), schließlich brauche man eine Perspektive. Auch wenn er wie andere Chorleiter nicht von massiven Existenzsorgen verfolgt wird, äußert er Befürchtungen, was die Krise anrichten kann: „Werden wir das große Chorsterben erleben?“

Betroffen ist auch der Homberger Silcherchor. Er hatte für Juni einen musikalischen Abend mit dem befreundeten Chor aus Dittershausen im Garten Thouaré geplant. Diese Veranstaltung wurde abgesagt. „Das finden wir sehr schade, aber zum einen können wir nicht proben zum anderen ist die Gesundheit aller wichtiger. Aber die Idee bleibt“. Jetzt stehen Anfang November ein klassisches Konzert auf dem Plan und das Weihnachtskonzert am 3. Advent. Abwarten.

Wie Chöre im Raum Gießen mit der aktuellen Situation umgehen, lesen Sie auf der Seite 33 in dieser Augabe.

 

Erschienen in der Alsfelder Allgemeinen am 29.05.2020 – https://www.giessener-allgemeine.de/vogelsbergkreis/nicht-gemeinsames-klagelied-13782263.html

By | 2020-10-05T10:31:02+00:00 Mai 29th, 2020|Pressestimmen|0 Comments